UNESCO würdigt das nomadische Wissen von Karakalpakstan, Kasachstan und Kirgisistan
Die Jurte ist mehr als ein rundes Zelt aus Filz und Holz. Sie ist ein Zuhause, ein Weltbild, ein Symbol von Freiheit und Gemeinschaft – und seit Kurzem auch offiziell ein anerkanntes Kulturerbe der Menschheit. Auf der 20. Sitzung des Zwischenstaatlichen Ausschusses zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes der UNESCO in Delhi wurden die traditionellen Kenntnisse und Fertigkeiten zur Herstellung von Jurten der Karakalpaken, Kasachen und Kirgisen in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen.
Damit erfährt eine der ältesten Wohn- und Lebensformen der nomadischen Kulturen Zentralasiens internationale Anerkennung – und zugleich eine Neubewertung in einer Zeit, in der kulturelle Identität, Nachhaltigkeit und überliefertes Wissen weltweit wieder an Bedeutung gewinnen.
Ein gemeinsames Erbe, neu gedacht
Die Entscheidung der UNESCO ist das Ergebnis jahrelanger fachlicher Arbeit, internationaler Abstimmung und politischer Initiative. Ursprünglich war die Jurten-Tradition bereits 2014 von Kasachstan und Kirgisistan gemeinsam nominiert und anerkannt worden. Nun wurde diese Nominierung erweitert – auf Initiative Usbekistans, das sich erfolgreich dafür eingesetzt hat, auch die karakalpakische Jurte in den gemeinsamen Antrag aufzunehmen.
Damit ist die Jurte nun offiziell als grenzüberschreitendes Kulturerbe anerkannt, das mehrere Nationen und Kulturräume miteinander verbindet. Drei Länder – Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan – tragen nun gemeinsam die Verantwortung für den Schutz, die Weitergabe und die Sichtbarmachung dieses einzigartigen Wissenssystems.
Diese Erweiterung ist mehr als ein formaler Akt. Sie spiegelt die kulturelle Realität Zentralasiens wider, wo ethnische, sprachliche und historische Verflechtungen seit Jahrhunderten den Alltag prägen – lange bevor moderne Staatsgrenzen gezogen wurden.
Jurte: Architektur, Kosmos und Lebensphilosophie
Für die nomadischen Völker der eurasischen Steppe war die Jurte nie nur ein Dach über dem Kopf. Sie ist ein durchdachtes architektonisches System, perfekt angepasst an extreme klimatische Bedingungen – von brennender Sommerhitze bis zu eisigen Winterstürmen.
Der runde Grundriss symbolisiert Harmonie und Gleichgewicht. Die Konstruktion aus einem hölzernen Gittergerüst (Kerege), Dachstangen (Uuk) und einer zentralen Krone (Tündük oder Schanyrak) ist leicht, stabil und vollständig zerlegbar. Innerhalb weniger Stunden lässt sich eine Jurte auf- und abbauen – ein entscheidender Vorteil für nomadische Lebensweisen.
Doch ihre Bedeutung reicht weit über das Praktische hinaus. Die Jurte ist ein Abbild des Kosmos: Der Rauchabzug in der Mitte verbindet Himmel und Erde, der Innenraum folgt klaren symbolischen Ordnungen, die soziale Rollen, Gastfreundschaft und familiäre Hierarchien widerspiegeln. Jeder Platz in der Jurte hat seine Bedeutung, jede Verzierung erzählt eine Geschichte.
Überliefertes Wissen von Generation zu Generation
Die UNESCO würdigt mit der Aufnahme nicht ein Objekt, sondern das immaterielle Wissen: die handwerklichen Fertigkeiten, die Rituale, die sozialen Praktiken und die pädagogischen Traditionen, die mit der Jurte verbunden sind.
Dieses Wissen wird traditionell von Meisterinnen und Meistern an ihre Schülerinnen und Schüler weitergegeben – oft innerhalb von Familien oder Dorfgemeinschaften. Dabei geht es nicht nur um Technik, sondern auch um Werte: Geduld, Präzision, Respekt vor der Natur und Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft.
In Karakalpakstan, einer autonomen Republik im Nordwesten Usbekistans, hat die Jurte eine besondere kulturelle Stellung. Trotz Sesshaftigkeit und Urbanisierung ist sie bis heute ein starkes Symbol kollektiver Identität. Bei Festen, Hochzeiten, Gedenkfeiern und kulturellen Veranstaltungen bleibt sie präsent – als sichtbare Verbindung zur eigenen Geschichte.
Politische und kulturelle Bedeutung der Anerkennung
Die offizielle Bekanntgabe erfolgte durch Saida Mirziyoyeva, Leiterin der Präsidialverwaltung Usbekistans. In ihrer Stellungnahme sprach sie von einer „Anerkennung auf internationaler Ebene, die die Tiefe unserer Traditionen, die Kraft unseres geistigen Erbes und die ununterbrochene Verbindung zwischen den Generationen bestätigt“.
Ihre Worte machen deutlich, dass es hier nicht nur um Kulturpflege geht, sondern auch um kulturelle Diplomatie. Die UNESCO-Entscheidung stärkt das internationale Profil der Region, fördert den Dialog zwischen den Ländern Zentralasiens und unterstreicht den politischen Willen, kulturelles Erbe aktiv zu schützen und weiterzuentwickeln.
Usbekistans Rolle als kultureller Impulsgeber
Dass Usbekistan die Erweiterung der Nominierung angestoßen hat, ist kein Zufall. In den vergangenen Jahren hat das Land seine Kulturpolitik deutlich intensiviert und international geöffnet. Traditionen, Handwerk, Musik und immaterielles Erbe werden systematisch dokumentiert, gefördert und in internationale Netzwerke eingebunden.
Die Kenntnisse zur Herstellung der karakalpakischen Jurte sind bereits Teil des nationalen Verzeichnisses des immateriellen Kulturerbes Usbekistans. Die UNESCO-Anerkennung hebt diesen Status nun auf eine globale Ebene – mit allen damit verbundenen Chancen: bessere Fördermöglichkeiten, stärkere wissenschaftliche Zusammenarbeit und erhöhte internationale Sichtbarkeit.
Jurte und nachhaltiger Tourismus
Für den Tourismus eröffnet diese Anerkennung neue Perspektiven. Immer mehr Reisende suchen authentische Erlebnisse, kulturelle Tiefe und nachhaltige Angebote. Jurten-Camps, Handwerksworkshops und kulturelle Begegnungen gewinnen an Attraktivität – vorausgesetzt, sie werden respektvoll und verantwortungsbewusst gestaltet.
In Kasachstan, Kirgisistan und Usbekistan entstehen zunehmend Projekte, die traditionelle Jurten nicht als folkloristische Kulisse, sondern als lebendigen Kulturraum präsentieren. Gäste erleben dort nicht nur Übernachtungen, sondern erhalten Einblicke in Handwerk, Musik, Küche und Alltagsphilosophie der nomadischen Kulturen.
Die UNESCO-Anerkennung schafft hierfür einen Qualitätsrahmen und sensibilisiert zugleich für den Schutz vor Kommerzialisierung und kultureller Verflachung.
Einordnung in den globalen Kontext
Weltweit stehen viele traditionelle Wissenssysteme unter Druck. Urbanisierung, Industrialisierung und Globalisierung haben dazu geführt, dass handwerkliche Fertigkeiten und mündlich überlieferte Praktiken verschwinden. Die Repräsentative Liste der UNESCO verfolgt daher ein klares Ziel: Sichtbarkeit schaffen, Wertschätzung fördern und Weitergabe sichern.
Dass sich unter den insgesamt 54 nominierten Anträgen aus aller Welt gerade die Jurten-Tradition erfolgreich durchsetzen konnte, unterstreicht ihre universelle Bedeutung. Sie steht exemplarisch für nachhaltiges Bauen, ressourcenschonendes Leben und soziale Resilienz – Themen, die heute aktueller sind denn je.
Weitere UNESCO-Anerkennungen aus Usbekistan
Bemerkenswert ist, dass auf derselben Sitzung der UNESCO auch eine weitere usbekische Tradition gewürdigt wurde: die Kunst der Herstellung und des Spiels auf dem Musikinstrument Kobyz, die in die Liste des dringend schutzbedürftigen immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde.
Diese parallelen Entscheidungen zeigen, wie vielfältig und zugleich verletzlich das kulturelle Erbe der Region ist – und wie wichtig gezielte Schutzmaßnahmen, Ausbildung und internationale Kooperation bleiben.
Die Jurte als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft
Die Aufnahme der Jurten-Traditionen in die UNESCO-Liste ist kein Schlusspunkt, sondern ein Anfang. Sie verpflichtet die beteiligten Staaten dazu, das Wissen aktiv zu bewahren, Forschung zu fördern, junge Generationen einzubinden und neue Formen der Vermittlung zu entwickeln.
Gleichzeitig sendet sie eine klare Botschaft an die Welt: Zentralasien ist nicht nur ein Raum historischer Erinnerungen, sondern ein lebendiger Kulturraum mit zeitloser Relevanz. Die Jurte, einst Symbol nomadischer Mobilität, wird so zu einem Zeichen kultureller Kontinuität in einer sich rasant verändernden Welt.
Zwischen Himmel und Steppe, Tradition und Moderne, lokaler Identität und globaler Anerkennung behauptet sie ihren Platz – rund, offen und standfest.
